Aus der Tasche in die Hand - rheinschrift 5 (1997)

Diese Taschenbücher – wie sind sie?

Ohne Goldschnitt, wie unsere Zeit, wie unser Leben, wie Sie, wie ich.

A. Goes (1954)

Billige Bücher produziert Deutschlands Verlagswesen schon lange – nicht erst seit Tucholskys legendärem Schlachtruf »Macht unsere Bücher billiger«, und auch nicht erst seit dem Erscheinen der ersten rororo-Halbleinenbändchen am 17. Juni 1950. Von Meyers Miniatur-Bibliothek der deutschen Klassiker spannt sich der Bogen über die Tauchnitz-Edition bis zu der noch heute erfolgreichen Universal-Bibliothek, die Reclam 1867 mit Goethes 'Faust' startete und das Taschenbuch des 20. Jahrhunderts mit seinen Ursprüngen im vergangenen Jahrhundert verbindet. Bereits 1905 formulierte der Verleger Samuel Fischer seine Vorstellungen von einem Verbrauchsbuch in industrieller Massenproduktion, die das Wesen der Taschenbücher vorwegnahmen: »Das Tempo und der Rhythmus unserer Zeit, die Ausbreitung von Bildung und wirtschaftlicher Kultur weisen auf das Buch zum billigen Einheitspreis, das bequem und leicht wie die Zeitung ins Haus gebracht oder jedem Passanten zugänglich gemacht werden kann.«

Und trotzdem gelten bis heute jene Frühsommertage, in denen Hans Falladas »Kleiner Mann, was nun?«, Graham Greenes »Am Abgrund des Lebens«, Rudyard Kiplings »Dschungelbuch« und »Schloß Gripsholm« von Kurt Tucholsky an die Buchhandlungen ausgeliefert wurden, als die Geburtsstunde des Taschenbuchs moderner Prägung in Deutschland. Seine Väter hießen Ernst Rowohlt und Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt, Pate standen die Pocket Books des amerikanischen Verlegers Robert Fair de Graff. Bemerkenswert auch der Zeugungsvorgang dieses Kindes der Wirtschaftswunderjahre, das in Windeseile den einheimischen Buchmarkt revolutionieren sollte: Im Zeitungsformat und auf Zeitungspapier druckte Rowohlt bereits im Winter 1946 das erste Lesefutter für das literarisch ausgehungerte Publikum der Nachkriegszeit.

Die Ausstellung »Aus der Tasche in die Hand – Taschenbücher in Deutschland 1946 – 1963« dokumentiert diese Industrialisierung des Buchhandels, beginnend mit den ersten RO-RO-RO-Zeitungsromanen und der Goldgräberstimmung unter den Verlegern in den fünfziger Jahren bis zur Gründung des Deutschen Taschenbuchverlags (dtv) im Jahr 1961, dessen anspruchsvolle Konzeption die Aufwertung des Taschenbuchs beabsichtigte und damit eine neue Phase in der Taschenbuchgeschichte einläutete. Sie trug dem jungen Massenmedium – und als solches ist dieses Buch mit eindeutiger Massenintention einzustufen – die längst fällige Anerkennung durch den arrivierten Literaturbetrieb ein. Das Taschenbuch war damit seinen Kinderschuhen entwachsen.

Vorwort des Bandes

Reihenweise

Rheinschrift-Sammlung der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe