Taylor & Theologie II: Zwischen Prophezeiung und Gebet. Christliche Metaphorik und biblische Motive in den Songs von Taylor Swift

Forschung & Wissenschaft
Bild einer Waldlichtung im Stil des Albums "Folklore mit vier Zeilen aus dem Songtexten "Epiphany"

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Es ist ungewöhnlich, zwischen den Dokumenten für die Dissertation und anderen Projekten ein Schreibdokument zu haben, was „Taylor Swift“ heißt. Was habe ich als Theologin und Exegetin mit der wohl erfolgreichsten Singer-Songwriterin unserer Zeit zu tun, außer dass ich ihre Songs ab und zu beim Joggen, Kochen oder beim Arbeiten höre?

Die 34-jährige Taylor Swift begeistert und polarisiert gleichermaßen - mit ihren Songs, Texten, Auftritten und ihrem Engagement für die queere Community. Swifties, wie die Fans von Taylor Swift umgangssprachlich genannt werden, schätzen ihre Songs und Alben für die Themen, die sie darin anspricht und verarbeitet: Beziehungskrisen, Enttäuschungen und (zwischenmenschliche) Verletzungen, Empowerment und der Weg zur Selbstakzeptanz. In ihrem neuen Album „The Tortured Poets Department“ geht es einmal mehr um (Selbst-)Zweifel, Unsicherheiten und ums Verzeihen - Motive, die auch in biblischen und anderen christlichen Texten immer wieder eine Rolle spielen.

Vielleicht etwas anders formuliert: Es finden sich konkrete christliche Bilder und Anspielungen in den Songs von Taylor Swift.

In einem Beitrag von domradio.de (05.02.2024) wurde deshalb der Frage nachgegangen, „wie der Popstar Taylor Swift zur Religion steht“ und ob sie eine Katholikin ist.[1] In diesem Beitrag ist zu lesen, dass sie in Pennsylvania aufgewachsen und dort wohl auch in einen von Franziskanerinnen geleiteten katholischen Kindergarten gegangen ist. Bis heute ist sie in Tennessee zu Hause, einem stark christlich geprägten Bundesstaat in den USA. In einem Interview zum dortigen Wahlkampf in Bezug auf homophobe und queer-feindliche Äußerungen bezeichnete sie sich selbst als Christin und sagte, dass diese menschenfeindlichen „Werte“ nicht ihren christlichen Werten entsprächen.[2]

Zuletzt gab es Mitte Mai in der Heiliggeistkirche in Heidelberg, initiiert durch den Citypfarrer Vincenzo Petracca, zwei Taylor-Swift-Gottesdienste, die mit über 1.200 Mitfeiernden schnell voll waren, wie auf dem Instagram-Account der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) vom 18.05.2024 zu lesen ist.[3] 

Anders als es die Ausführungen im Beitrag von domradio.de dazu, dass „sie sich politisch inzwischen positioniert, […] es [aber] mit der Religion heute immer noch sehr vage aus[sieht], noch mehr als in früheren Tagen“[4], vermuten lassen, sind christliche und biblische Anklänge auch in den aktuellen Songs von Taylor Swift zu finden. Und sie ließen sich sogar nach (einigen) üblichen Schritten der historisch-kritischen Bibelexegese hinsichtlich der Motivik, der Gattungen, der Narratologie und der (textlichen) Komposition wunderbar analysieren – vielleicht eine schöne Aufgabe für ein längeres Projekt oder ein Seminar.

In diesem Beitrag kann nur in Auswahl auf einige Songtiteln überblicksartig eingegangen werden, in denen christliche bzw. biblische Themen anklingen. So singt Taylor Swift in dem 2020 veröffentlichten Song Epiphany über Traumabewältigung im Zusammenhang mit dem Einsatz ihres Großvaters im Zweiten Weltkrieg. Im religiösen Kontext meint Epiphanie die Erscheinung einer Gottheit unter den Menschen, im Christentum ist es Jesus Christus selbst, der erscheint. In diesem Sinn sind wohl auch die Zeilen zu verstehen:

 

But you dream of some epiphany

Just one single glimpse of relief

To make some sense of what you've seen

 

Auch im jüngst veröffentlichten Song Prophecy (2024) klingen christliche bzw. biblische Analogien mit. In der biblischen Welt und Zeit sorgten sich die Menschen ebenso um ihre Gegenwartsgestaltung auf eine gute Zukunft hin, wie wir es heute tun. Deshalb war schon damals Prophetie ein großer Trend – im Alten Israel wie in den frühchristlichen Gemeinden traten Prophetinnen und Propheten auf.

Davon abgesehen, dass Swift sich gleich in der ersten Strophe mit Eva vergleicht, die im Paradies der Schlange begegnet, die sie verführt (Gen 3), klingt der Refrain wie ein flehendes Gebet. Sie singt davon, wie sie auf Knien in einem Mix aus Imperativen und Fragen darum bittet, ihre Prophezeiung, ihre Vorherbestimmung zu ändern. Als schwächere Frau hätte sie vielleicht die Hoffnung verloren, wäre sie stärker, müsste sie nicht betteln. Deshalb blickt sie wieder zum Himmel, der klassischerweise – im Sinne des heaven (Swift sing allerdings von sky) – als der göttliche Bereich in der Bibel assoziiert wird, und bittet.

In dem ebenfalls neu erschienenen Song But Daddy I love him (2024), klingen Motive von Zwischenmenschlichkeit und Nächstenliebe an. Er mag als Swifts Reaktion auf die Kritik an ihren früheren Beziehungen verstanden werden und zeigt, dass es wichtig ist, den eigenen inneren Gefühlen zu folgen. Auch wenn sie mit ihren Kritiker:innen hart ins Gericht geht, klingt auch die Bridge nach der Gottes-Anrede und dem Formulierungsduktus wie eine Fürbitte oder ein Stoßgebet – sie bittet um Schutz für ihre Widersacher (God save the most judgmental creeps…). Vincenzo Petracca betont in seiner Predigt, dass Swift besonders für diesen Song, aber auch für das gesamte neue Album vorgeworfen wird, den Glauben zu sehr zu kritisieren. „Dieses Lied wendet sich nicht grundsätzlich gegen den Glauben. Vielmehr kritisiert [Swift] einen heuchlerischen Glauben, dem Dogmen wichtiger sind als Menschlichkeit und Nächstenliebe.“[5]

Im Song Peter (2024) bittet Taylor Swift einen gleichnamigen Menschen um Verzeihung – Forgive me Peter. Es geht um verlorene Jugend, unerfüllte Versprechen und das Vergehen der Zeit. Der Song erzählt die Geschichte einer Beziehung, die in metaphorischen Schränken der Erinnerung aus Zedernholz (in closets like cedar) bewahrt wird, und thematisiert die Diskrepanz zwischen Kindheitsträumen und der Realität des Erwachsenwerdens. Vergebung, Umkehr und Reue sind Themen, die biblischen Texten – sowohl des Alten als auch des Neuen Testaments – nicht fern sind. Während der Song-Text zunächst vielleicht an die Geschichte von Peter Pan erinnert, ist gerade in Bezug auf die Vergebung und Reue auch – der Name ist hier sicher Zufall – auch an Petrus zu denken (auch wenn Swift die Parallele hier sehr wahrscheinlich nicht intendiert hat), insbesondere in der Darstellung des Johannes-Evangeliums. Dreimal wird Petrus im Epilog des Johannes-Evangelium von Jesus gefragt, ob er ihn liebt, was er dreimal mit „Ja“ beantwortet (Joh 21,15–19). Zuvor wird in der Passionserzählung berichtet, wie dieser Petrus dreimal verleugnet (Joh 18,12–27). Eine ungeklärte Beziehung also, die durch das gemeinsame „Früher“ geprägt ist.

Am deutlichsten ist der christliche Bezug wohl in zwei Songs zu finden. In dem eher unbekannten Song Christmas Must Be Something More (2007) im Country-Style aus ihrer frühen Karriere, hinterfragt Swift die moderne Auffassung von Weihnachten in einer konsumorientierten Gesellschaft. Sie stellt provokative Fragen: Was wäre, wenn Gott an Weihnachten keinen Schnee schicken würde? Was, wenn Weihnachtslieder Lügen wären? Was, wenn es keine Geschenke gäbe? Diese Fragen zielen darauf ab, die tiefere Bedeutung des Festes zu ergründen.  Swift betont, dass Weihnachten mehr als nur Oberflächlichkeiten und Konsum sein muss. Im Refrain des Songs hebt sie hervor, dass der Weihnachtstag etwas Besonderes und Heiliges ist und es an diesem Tag eigentlich um den Geburtstag Jesu Christi geht (So, here's to the birthday Boy who saved our lives), der unser Leben gerettet hat. Mit dieser Zeile des Refrains klingen ganz stark die Verse Lk 2,11 und auch Mt 1,21 aus den beiden neutestamentlichen Geburtserzählungen an. Swift kritisiert, dass diese zentrale Botschaft oft ignoriert wird (It's something we all try to ignore). Im letzten Refrain erwähnt sie Jesus Christus namentlich, der die Leben der Menschen rettet. Ein klares Bekenntnis Swifts zu Jesus Christus?

Desperate people find faith, so now I pray to Jesus too, singt Taylor Swift 2019 für Ihre an Krebs erkrankte Mutter im Song Soon You’ll Get Better. In Zeiten von Angst und Verzweiflung weis sie sich im Gebet Jesus, ihrem Retter, nahe.[6]

Motiv- und Kompositionskritisch hat Taylor Swift in den letzten Jahren und mit den letzten Alben immer wieder bewiesen, dass sie sehr genau weiß, was sie in ihren Songs schreibt und wie sie damit ihre persönliche(n) Geschichte(n) verarbeitet.

Es wird kein Zufall sein, dass sie von Himmel und Hölle (loml, Albatros) oder vom Heiligen Geist und der Liebe (loml), von Feuer, das aus dem Himmel regnet (Albatros), von Sünde und Kreuzigung (Guilty as sin) oder direkten (kurze) Gottesanreden (I Can Fix Him (No Really I Can)) singt.

Sicher mögen die Bezüge und Kontexte der Verwendung dieser religiös bzw. christlich behafteten Motive bei Taylor Swift nicht primär als christliche Botschaften gemeint sein. Der christliche Background von Taylor Swift lässt aber vermuten, dass sie Bedeutung jener Motive in ihrem Leben und Beziehung kennt und reflektiert – so, wie sie es mit ihrem Leben und ihren Beziehungen in ihren Songs macht.

 

[1] Schlegelmilch, Renardo: Katholikin oder „Hexe“?. Wie der Popstar Talyor Swift zur Religion steht, in: domradio.de, 05.02.2024 (https://www.domradio.de/artikel/wie-der-popstar-taylor-swift-zur-religion-steht, aufgerufen am 13.05.2024).

[2] Vgl. Schlegelmilch, Katholikin; und auch die Predigt von Vincenzo Petracca vom 12.05.2024 (https://heiliggeist-heidelberg.de/media/download/variant/380750/taylor_swift_ansprache_gehalten_vincenzo_petracca.pdf; aufgerufen am 18.05.2024).

[3] Auftritt der Evangelischen Kirche Deutschlands bei Instagram (https://www.instagram.com/p/C7EMMXMukz0/?img_index=1; aufgerufen am 18.05.2024); vgl. Roch, Carlotta (Text): Take me to church, Taylor!, in: Frankfurter Allgemeine online, 14.05.2024 (?) (https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/taylor-swift-gottesdienst-in-heidelberg-zieht-zahlreiche-fans-an-19716226.html, aufgerufen am 18.05.2024); und Hasenauer, Volker: Mehr Andacht als Konzert: So war der große Taylor-Swift-Gottesdienst. Emotionales evangelisches Kirchenexperiment, in: katholisch.de, 12.05.2024 (https://www.katholisch.de/artikel/53241-mehr-andacht-als-konzert-so-war-der-grosse-taylor-swift-gottesdienst, aufgerufen am 13.05.2024).

[4] Schlegelmich, Katholikin.

[5] Predigt von Petracca.

[6] Vgl. zu diesem Abschnitt die Predigt von Petracca.

Paula Greiner-Bär ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Exegese und Theologie des Neuen Testaments. Mehr Informationen zur ihrer Forschung und ihrem Lebenslauf finden Sie auf der Website der Professur.

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